Aus aktuellem Anlass

Im Winter 2020 scheint wenig Licht am Horizont für viele, die Kultur schaffen.

Denn die Eigenschaft der meisten Künste ist es (auch), Menschen zusammenzubringen. Neue Gedanken entstehen durch Austausch, durch Begegnung. Der Funke der Musik springt nur analog wirklich über.

Der Begriff der „Systemrelevanz“ gräbt die Gesellschaft um. Gräbt auch das (eigene) künstlerische Schaffen um, und stellt nicht Weniges in Frage.

Lafontaines gute alte Parabel von der Grille und der Ameise. Ist eine Grille „systemrelevant“?

Die Ameise ist vielleicht befremdet von der Grille, oder sogar zornig: Was jammerst du? Du hast gezirpt und getanzt, bist mit deinen Hirngespinsten in der Sonne gesessen, jetzt geht sie eben unter und du klagst, während ich tapfer das System am Laufen halte.

Die Grille fühlt sich unverstanden. Ich bin genauso systemrelevant wie du, Ameise, sagt sie, ich bringe neue Impulse und färbe dein Ameisenleben bunt mit meinen Ideen. Ist dir denn gar nicht daran gelegen? Oder sie äußert stolz, dass sie gar kein Teil dieses Systems sein möchte.

I Unversöhnliches Ende : Die Ameise grollt und macht weiter. Sie wirft der Grille einen Kanten Gnadenbrot zu und knallt dann die Tür hinter sich zu, rührt in ihrer Suppe und ärgert sich. Sie würde manchmal auch lieber zirpen, aber irgendwer muss den Laden ja am Laufen halten. Die Grille zieht sich bitter in die Einsamkeit zurück, und geht mit knurrendem Magen ins Bett. Undank ist der Welt Lohn. Sie rebelliert und wird ausgestoßen. In Lafontaines Märchen verhungert sie, oder sie erfriert, denn es ist Winter und wahrscheinlich hat sie kein trockenes Brennholz eingelagert.

Die Entfremdung zieht die Gräben und die Sorgenfalten tiefer. Die Röcke werden enger geschnürt. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Wer nicht arbeiten kann, hat eben nichts zu essen. Sein Brot zu verdienen, ist mühsam. Wer ohne Gesang arbeiten muss, kaut hart darauf herum.

II Solidarisches Ende : Wie können Grille und Ameise einander unterstützen? Vielleicht, indem jede ihre Gaben einsetzt. Ohne einander zu verurteilen. Die Grille lernt Demut von der Ameise. Die Ameise bekommt dafür Freude von der Grille. Der Winter ist noch lang. Die Suppe müsste für alle reichen. Auch Künstlerhände können Gemüse schnipseln. Und Ameisenfüße tanzen. Beim Schnipseln lässt sich gut philosophieren. Und nicht nur im Sommer brauchen wir Gesang.

Wem das Ende zu kitschig ist, kann mir gerne schreiben. Aber nur mit vernünftigem, oder auch unvernünftigem, Alternativvorschlag. Ich bin gespannt.